Wien
2025
kuratiert von Angela Zach-Buchmayer

Seit mehreren Jahren setzt sich Elena Kristofor in ihrem künstlerischen Werk mit der kulturellen Codierung von „Natur“ auseinander. Im Zentrum steht die Reflexion über Natur als ein kulturelles Imaginäres – eine historisch gewachsene Vorstellung, die Natur als ursprüngliche, vom Menschen unberührte Sphäre wahrnimmt und dabei ihre Konstruktion verschleiert.
Auf Einladung von Nomad Spirit verbrachte Elena Kristofor vier Wochen in der Gobi-Region, rund 288 Kilometer südlich der Hauptstadt Ulaanbaatar. Ihr Aufenthalt war eingebettet in ein Programm, das mit künstlerischen Mitteln auf den ökologischen Wandel in der Mongolei aufmerksam machen möchte: Obwohl die Mongolei zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt zählt, zeigen sich die Folgen des Klimawandels hier besonders deutlich. Die durchschnittliche Temperatur hat die im Pariser Abkommen festgelegte Zwei-Grad-Marke bereits überschritten. Dürren, heftige Winde und extreme Kälteeinbrüche prägen das Klima – diese Wetterbedingungen bedrohen zunehmend das ökologische Gleichgewicht.
Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen von Nomad Spirit erkundete Elena Kristofor die einmalige Steppenlandschaft der Mongolei und war eingeladen, ihre Eindrücke in einer ortsspezifischen künstlerischen Intervention umzusetzen. Die weitläufigen Ebenen – geprägt durch offene, baumlose Horizonte und sanft geschwungene Hügel – zählen zu den letzten großflächig erhaltenen Graslandschaften der Erde und bildeten die atmosphärische Grundlage ihrer künstlerischen Arbeit vor Ort. Aus dieser intensiven Auseinandersetzung entstanden zwei neue Werkserien, die in der Ausstellung Steppe Scape erstmals in Wien präsentiert werden.
Kristofors Farbfotografien führen die in ihrer Werkserie Anomalie im Raum begonnene Auseinandersetzung mit der klassischen Landschaftsaufnahme fort, indem sie deren Bildsprache gezielt durchbricht. Durch den Einsatz von Spiegeln unterläuft sie die Zentralperspektive als dominantes Ordnungssystem und dekonstruiert damit die gewohnte räumliche Kohärenz. Der Akt des Spiegelns fungiert dabei als konzeptuelle Strategie der Raumbildung: Der Bildraum wird gefaltet, aufgebrochen, verschoben. In Anlehnung an ihr eigenes Vokabular spricht Kristofor von einer „Faltung des Raums“. Das Resultat sind surreale, visuell ambivalente Landschaftskonstellationen, in denen Natur nicht mehr als statische Kulisse erscheint, sondern als veränderlicher, reflexiver Bildraum.
Die Schwarz-Weiß-Fotografien der Serie Dance or Struggle with Nature reflektieren das fragile Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. In skulpturalen Gesten verschmilzt der menschliche Körper mit der Landschaft – er formt und wird zugleich geformt. Seit Jahrhunderten besteht in der Mongolei eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch, Tier und Umwelt; doch dieses Gleichgewicht gerät zunehmend ins Wanken. Die nomadische Viehwirtschaft dehnt sich aus, während fruchtbare Weideflächen infolge des Klimawandels rapide verschwinden. Traditionelle Lebensformen treffen auf ökonomische Interessen – eine Entwicklung, die grundlegende Fragen nach dem Fortbestehen dieser Beziehung aufwirft.
Steppe Scape lädt zu einer visuellen Entdeckungsreise durch eine ebenso beeindruckende wie bedrohte Landschaft ein. Kristofors Werke entfalten eine starke visuelle Präsenz und entwerfen einen dystopischen Ausblick auf ein mögliches Zukunftsszenario – durch die Linse der Fotografie werden gängige Bilder zu unserem Verhältnis zur Natur hinterfragt.
Die Ausstellung ist Teil des Foto Wien Festivals, kuratiert von Angela Zach-Buchmayer.
Im Rahmen der Ausstellung fand ein Artist Talk mit Elena Kristofor und Verena Kaspar-Eisert, moderiert von Angela Zach-Buchmayer statt. Unter dem Motto „Dynamic Future“ des diesjährigen Foto Wien Festivals befasste sich der Talk unter dem Titel „Zwei Grad Plus“ mit einem der drängendsten und unvorhersehbarsten Themen unserer Zeit – dem Klimawandel.







